Der grüne Apfel
Kaum aus den Bergen zurück, ruft schon wieder die Pflicht. Zur Angewöhnung durfte ich noch einen Tag lang zwei Kollegen im Theoriesaal und im Simulator quälen, bevor dann New York auf meinem Einsatzplan stand.
Obwohl mein letzter Besuch im Big Apple bereits vor geraumer Zeit stattfand, erwartete ich, als mittlerweile erfahrener Amerikaflieger, keine grossen Überraschungen. Die letzten Revisionen der A330 Bücher und die neuen Planungsrichtlinien hatte ich gewissenhaft verinnerlicht, als Kapitän war einer meiner ersten Fluglehrer ausersehen, mit dem ich seit meiner Ausbildung bereits einige äusserst kurzweilige Rotationen verbringen durfte und der Wetterbericht für Manhattan meldete Sonnenschein und frühlingshafte Temperaturen.
So verflogen die knapp achteinhalb Stunden Flugzeit dann auch wie im Fluge und das Einzige, was ich beanstanden kann ist, dass ich während der ganzen Atlantiküberquerung, wegen der interessanten Gespräche, den netten Besuchen im Cockpit und dem vielen Kaffee nicht einmal dazu kam eine Zeitung zu lesen…
In Manhattan allerdings erwartete mich eine dicke Überraschung. Kaum angekommen, war es selbst für den oberflächlichen Betrachter unübersehbar, dass New York total Grün geworden ist.
Nicht dass hier die Natur schon mit dem Frühling begonnen hätte. Auch sind nicht plötzlich alle Autos durch Fahrräder ersetzt worden. Ganz allgemein hat der Umweltschutz hier noch immer keine nennenswerten Fortschritte gemacht. Die Stadt stinkt wie eh und je – heute vielleicht sogar noch etwas mehr.
Zur Zeit trägt hier aber, mit Ausnahme der staunenden Touristen und eines ahnungslosen Piloten, schlicht jedermann grün. Grüne T-Shirts, grüne Pullover und grüne Halstücher sind Pflicht. Grüne Halsketten, grüne Käppis und grüne Anstecker gehören zum guten Ton. Grüne Zylinder, grüne Hosen und grüne Jacketts sind völlig normal und wer etwas mehr Mut hat trägt einen grünen Kilt, grüne Haare oder einen grünen Bart. Selbst das Empire State Building ist grün beleuchtet.
Die New Yorker sind sich im wahrsten Sinn des Wortes grün. In den überfüllten Pubs riecht es genauso streng wie in der vollgestopften Seilbahn am Sonntag Morgen in Arosa. Das zum Teil grün eingefärbte Bier fliesst in Strömen und wer keinen Alkohol mehr erträgt, kann sich im Coffee Shop bei einem grünen Kaffee oder Milchshake erholen. Ich aber bleibe noch eine Weile im lärmigen Pub, wo mir jeder zweite Zecher laut grölend einen „Happy St. Patrick’s day“ wünscht.

























